Der Buchmann-Polo

Polo Paris und Polo Carat auf Basis der Designstudie Polo Prima

Original POLO intern-Artikel Ausgabe 19 (April 1997)

„Wir sind zwar gut, aber im Verwirklichen verrückt scheinender Ideen längst nicht so beweglich und frei wie Buchmann“. So hieß es 1983 hinter vorgehaltener Hand aus Wolfsburg. Was war passiert?
Anlässlich des Genfer Automobilsalons 1982 stellte die Frankfurter Tuningschmiede Buchmann Wolfsburg Kleinsten in einem neuen Gewand der Öffentlichkeit vor. In Zusammenarbeit mit dem Volkswagenwerk präsentierte Buchmann (bb) die Designstudie Prisma, aus der ein Jahr später die Kleinserienmodelle Polo Paris und Polo Carat hervorgingen. Die Publikumsreaktionen auf dem Automobilsalon waren, so der bb-Chef, „nachhaltig und überwiegend positiv“.

Buchmann hatte es zur Aufgabe gestellt, ein zeitgemäß konzipiertes und in hohen Stückzahlen gefertigtes Fahrzeug im Design und in der Ausstattung so zu gestalten, daß es auch den Geschmack des besonders individuell geprägten Automobilliebhabers trifft. Die formale Auslegung des seit Oktober 1981 gefertigten Polo 2 Steilheck, die zu damaliger Zeit guten Fahrwerksqualitäten und die hervorragende Raumausnutzung boten laut bb denkbar beste Voraussetzungen für individuelle und exklusive Modifikationen.
Die beiden Sondermodelle unterscheiden sich besonders im Karosseriedesign. Während der Polo Paris mehr rundliche und flüssige Formen aufweist, fallen beim Polo Carat kantige und harte Linien auf. Besonderes Merkmal beider Versionen ergibt sich durch den Herberts Duo-Effektlack, der je nach Sonneneinfall von dunkelblau in altgold überschlägt.
Die Ausführung des Polo Paris war, so der Tuner, mehr auf die weibliche Eleganz und Understatement ausgerichtet. Sportlichkeit trat bei dieser Version in den Hintergrund. Eine schmalere Bereifung (175/65 SR13 Pirelli P8) und etwas weniger Auffälligkeit sollten dazu verhelfen.
Der Polo Carat sollte durch seine harte Note und Reifen in der Dimension 185/60 SR13 (Pirelli P6) Sportlichkeit dokumentieren. Eleganz und einen gewissen Pfiff konnte keiner der beiden Versionen abgesprochen werden. Dies dokumentiert auch seine Zielgruppe: Junge Autofahrer, die sich dem Serieneinerlei mit dem Außergewöhnlichen entziehen wollen.
Schon beim Öffnen der Türen weicht der bb-Polo von der Serie ab: Es genügt der Knopfdruck auf einen feuerzeugähnlichen Infrarotsender, mit dem sich die Zentralverriegelung öffnet. Daß der bb-Polo seiner Zeit weit voraus war, zeigt auch die automatische Wiederverriegelung nach zehn Sekunden. Eine damals faszinierende Spielerei, die erst heute als Standard eingezogen ist.
Der Innenraum läßt sich wie die äußere Erscheinung nach wie vor als Polo identifizieren. Der digitale Cockpiteinsatz, DINFOS genannt (Digitales Informationssystem), enthält alle wesentlichen Informationen. Kurz nach dem Anlassen erscheint ein wandelndes Schriftband und begrüßt seinen Fahrer freundlich mit einer „Guten Tag“-Meldung. Drückt er zum Beispiel die Starttaste, registriert er die Startzeit und errechnet darüber hinaus Fahrtzeit, Durchschnittsverbrauch und -geschwindigkeit. Ebenfalls Vorreiter in seiner Klasse: Eine Außentemperaturanzeige mit gleichzeitigem Glatteiswarner. Ebenso wichtige Daten über den Ölvorrat, Kühlwasser, Öl- und Wassertemperatur, Batteriespannung und Öldruck standen schon damals mit hoher Genauigkeit zur Verfügung. Diese Informationen kann DINFOS auch in Englisch und Französisch liefern.
Im Innenraum befindet sich unüberhörbar eine Blaupunkt-HiFi-Anlage, die mit ihren zwölf Lautsprechern in den Türen für optimalen Musikgenuß sorgt. Unübersehbar bleibt die Alcantara-Innenausstattung, welche farblich perfekt auf die Außenlackierung abgestimmt ist. Die perfekte Verarbeitung des wildlederähnlichen Stoffes spiegelt sich auch in den speziell angefertigten Recaro-Sitzen wieder. Gegen Aufpreis war auch der Dachhimmel in Alcatara lieferbar.
Zwischen dem 10. September und dem 05. Oktober 1982 verließen insgesamt 13 Polo Carat und zwölf Polo Paris die Hallen des Frankfurter Tuners. Die Modelle wurden alle mit dem 1,1-Liter Motor mit 44 kW (60 PS) ausgeliefert. Am 24. September 1982 wurden noch einmal acht Polo Carat und fünf Polo Paris erstmals zugelassen. Bestückt waren diese Nachzügler mit dem damals nur für das Coupé lieferbaren 1,3-Liter-Triebwerk mit 55 kW (75 PS). Erst ein Jahr später, im September 1983, lieferte Wolfsburg mit dem Polo-Aktionsmodell SP erstmals offiziell ein Steilheck mit 75 Pferdestärken aus.

Jedes Exemplar der bb-Sonderserie hätte nach damaligem Listenpreis rund 45 000 Mark gekostet. Den damaligen Verkaufspreis konnten wir nicht mehr ermitteln, da auch die Firma bb, wie viele andere Tuner der achziger Jahre, nicht mehr besteht. Auch wieviele der 21 Polo Carat und 17 Polo Paris noch heute auf unseren Straßen unterwegs sind, ist ungewiß. Tatsache ist aber, daß jeder der Besitzer einen Buchmann-Polo weiß, daß er ein fast einzigartiges Auto fährt. DP/MB#

Dieser Beitrag wurde unter Kuriositäten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.